Stillstand in Berlin – Vier Szenarien und die Folgen für die Börse


Dennis Etzel
  • Wiederaufnahme der Jamaika-Gespräche könnte die Wirtschaft etwas liberaler gestalten
  • Eine Minderheitsregierung würde die Börse nicht stärken, ihr aber auch nicht wehtun
  • In einer Großen Koalition könnte der Juniorpartner SPD das Tempo bestimmen, aus Sicht der Wirtschaft hieße es wohl eher „Weiter so“
  • Die FDP könnte aus Neuwahlen gestärkt hervorgehen und wirtschaftlich Akzente setzen

“Die FDP hat keine Lust und die anderen spielen die beleidigte Leberwurst“, so könnte man die Situation nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition bezeichnen. „Politische Börsen haben kurze Beine“, so denken wohl die Investoren, nachdem sich die Börse nach den Kursverlusten zum Wochenstart schon wieder stabilisiert hat. „Wer sich in Wahlen um politische Verantwortung bewirbt, der darf sich nicht drücken, wenn er sie in den Händen hält“, sagt Bundespräsident Steinmeiner in seinem Appell an die Parteien.

Minderheitsregierung, Große Koalition, Neuwahlen oder nehmen die Jamaika-Parteien die Gespräche noch einmal auf? Die nächsten Tage werden darüber entscheiden, wie es in Deutschland politisch, aber auch wirtschaftlich und damit an der Börse weitergeht. Zeit für uns, mal abzuklopfen, welchen Einfluss welches Szenario auf den Aktienmarkt und hier besonders auf die Unternehmen aus der zweiten und dritten Reihe haben dürfte.

Jamaika 2.0 – Mehr Wirtschaftsliberalismus
Sollten sich die vier Parteien nach einer Abkühlungsphase doch noch einmal besinnen und die Sondierungsgespräche wiederaufnehmen, dürfte die FDP gestärkt hervorgehen, so dass deren wirtschaftsliberale Vorstellungen ein höheres Gewicht im Regierungsprogramm haben könnten, wovon die Börse profitieren dürfte. So könnten sich eine stärkere Deregulierung des Arbeitsmarktes und eine Abschaffung der Mietpreisbremse positiv auf Deutschlands Maschinenbauer, Autozulieferer und Immobilienaktien auswirken. Zudem wären einige Ziele aus dem grünen Wahlprogramm wie die Einführung der Mindestrente sowie keine Ausnahmen beim Mindestlohn in dieser Konstellation wohl nicht mehr realistisch. Dies könnte den aktuell gesunden Binnenkonsum etwas schwächen, kann doch die gefühlte höhere Arbeitsplatzunsicherheit und eine größere Angst vor Altersarmut konsumhemmend wirken. Eine negative Überraschung könnte die FDP jedoch für die Banken im Köcher haben, sind ihr doch die Niedrigzinspolitik der EZB, die permanenten Defizitsünden einiger Euro-Länder, Finanzhilfen und die Vergemeinschaftung von Schulden in der EU ein Dorn im Auge. Interpretiert man die Forderungen der FDP in Reinform, nimmt die FDP mit dem daraus unvermeidlichen Austritt einiger Länder aus dem Euro größere Turbulenzen an den Finanzmärkten in Kauf.

Regieren ohne Mehrheit – Börse läuft auch ohne Politik
Aus unserer Sicht ist dieses Szenario höchst unwahrscheinlich, da sich die Minderheitsregierung bei Abstimmungen im Bundestag die Unterstützung der anderen Parteien holen müsste. Eine derart instabile Regierung wäre praktisch kaum handlungsfähig. Sollte es wider Erwarten dennoch zu einer Minderheitsregierung kommen, muss dies nicht notwendigerweise negativ für die Finanzmärkte sein, da zumindest – aus Sicht der Börse – keine negativen Reformen durchgesetzt werden könnten und der aktuelle wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands noch eine Zeit lang die Aktienmärkte beflügeln dürfte.

Große Koalition – Wenn aus dem Junior der Leader wird 
Die SPD lehnt weiterhin eine Große Koalition kategorisch ab. Aber es ist dennoch nicht vollkommen ausgeschlossen, dass sich die Genossen nach langem Bitten und Betteln von Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Steinmeier zu ihrer politischen Verantwortung bekennen und die Gespräche mit der Union aufnehmen. In diesem Fall würde die SPD gestärkt aus ihrer Verliererrolle der Bundestagswahl hervorgehen und als Juniorpartner der CDU dennoch einige Zugeständnisse abringen, die allerdings eher außerhalb der Wirtschaftspolitik liegen dürften. Wirtschaftlich hieße eine Große Koalition wohl eher “Weiter so“. Es dürfte keine nennenswerten Änderungen bei den Einflussfaktoren auf die Mittelständler geben. So gehen wir davon aus, dass die CDU weiter die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes umsetzt. Somit dürften Unternehmen profitieren, die im Vergleich zum Ausland in Deutschland relativ lohnintensive Standorte unterhalten, wie einige Maschinenbauer und Autozulieferer. Außerdem dürfte die CDU die private Altersvorsorge weiter nach vorn treiben, was den geplagten Finanzdienstleistern, wie z.B. einer MLP, Comdirect oder auch indirekt einem Immobilienfinanzierer wie Hypoport helfen könnte. Konterkariert werden könnte dies jedoch durch die Einführung einer von der SPD propagierten Finanzmarkttransaktionssteuer. Hier wäre dann davon auszugehen, dass der Kurs der Comdirect-Bank unter Druck geraten würde.

Beim Thema Energiewende wird es darum gehen, ob sie wie von der CDU propagiert stärker marktwirtschaftlich ausgerichtet werden soll oder gemäß der SPD staatlich stärker gelenkt wird. Im ersten Fall wird es für Projektentwickler im Bereich erneuerbarer Energien schwerer werden, da sich der Trend zu Ausschreibungen verstärken wird, was den Preisdruck verstärken wird. Eng verknüpft mit der Energiewende ist natürlich das Thema Elektromobilität, dass derzeit in aller Munde ist. Wir gehen davon aus, dass sich nach der Wahl die Diskussion wieder versachlichen wird und sich die Erkenntnis durchsetzt, das weder die Technologie der Fahrzeuge ausgereift ist noch die Infrastruktur vorhanden ist, um innerhalb weniger Jahre – egal ob mit oder ohne staatlicher Quote – den Individualverkehr Deutschlands auf Elektromobilität umzustellen. Vielmehr wird die Politik die deutsche Autoindustrie und ihre Zulieferer als größten Arbeitgeber des Landes – und damit größte Berufsgruppe unter den Wählern – so weit wie möglich protegieren. Soll heißen, ähnlich wie in der Finanzkrise 2008/2009 wird auch diesmal die deutsche Autoindustrie nicht untergehen und die Politik durch Steuererleichterungen für die Käufer oder staatliche Subventionen für Forschung und Entwicklung der Industrie wieder unter die Arme greifen. Unter dem Strich können sich also auch die Investoren in börsennotierten Autozulieferern aus dem MDAX und SDAX wie Leoni, Elring Klinger und Co. darauf einstellen, dass die Geschäfte weiter gut laufen.

Bundestagswahl reloaded – Ausgang ungewiss
Neuwahlen sind naturgemäß mit einem ungewissen Ausgang verbunden. Dennoch glauben wir, dass gerade die FDP hier am wenigsten zu verlieren hat und vermutlich gestärkt daraus hervorgehen dürfte. Dann hätte sich die Fokussierung auf parteipolitische Interessen zulasten der politischen Verantwortung während der Sondierungsgespräche als kluger Schachzug entpuppt. In dieser Konstellation würde die FDP ihre wirtschaftsliberalen Vorstellungen in einer neuen Regierungskoalition noch stärker umsetzen können, so dass auch die Börse nach einer Phase der Unsicherheit vor den Neuwahlen einen solchen Wahlausgang mit steigenden Kursen goutieren dürfte.

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